05/03/2024 0 Kommentare
Spuren jüdischen Lebens in der Neustadt rund um die Lutherkirche
Spuren jüdischen Lebens in der Neustadt rund um die Lutherkirche
# Erinnerungskultur

Spuren jüdischen Lebens in der Neustadt rund um die Lutherkirche
Der frühzeitige Tod eines Geschäftsmanns
Es war ein nasskalter bewölkter Sonntag mit Temperaturen knapp über der Frostgrenze, als der Spandauer Geschäftsmann Benno Salomon am 27. Januar 1924 starb. Er war lange krank gewesen und wurde nur 49 Jahre alt. Zurück ließ er seine Frau Zilka und seine drei Kinder Gerhard (19), Anita (16) und Leonie (11). Sie wohnten direkt gegenüber der Lutherkirche in der Lutherstraße 13.

Auf dem Balkonfoto von Leonie und Anita aus dem Jahre 1927 ist das große Fenster der Lutherkirche deutlich zu erkennen.
Zilka hatte schon in den letzten Jahren vor dem frühen Tod ihres Mannes das Geschäft für Modewaren, das in der Nähe der Wohnung lag, allein führen müssen. Den Laden am Lutherplatz/Ecke Neumeisterstraße gibt es noch. Heute werden dort Lebensmittel verkauft. Das Geschäft der Familie Salomon hatte noch eine Filiale in der Streitstraße 76, in der heute eine Änderungsschneiderei zu finden ist.
Benno Salomon starb an einem Sonntagmittag in einem Jüdischen Krankenhaus in Lankwitz. Am Montag oder Dienstag fand sich die große Familie Salomon in Spandau auf dem nahegelegenen Jüdischen Friedhof in der Neuen Bergstraße ein, um Benno zur letzten Ruhe zu bestatten. Mit dabei waren seine beiden Brüder Josef und Louis Salomon mit ihren Familien. Sie lebten alle in Spandau und Benno hatte seinem Bruder Louis viel zu verdanken.
Sein Grab lag unweit der Trauerhalle. Seine Witwe und die Kinder hatten es nicht weit, wenn sie das Grab besuchen wollten. Vielleicht begleiteten auch Victor Simonsohn und seine Frau Benno Salomon auf seinem letzten Weg. Die Familien kannten sich sicher.
Schicksalsschläge der Familie Simonsohn

Victor Simonsohn lebte mit seiner zweiten Frau Charlotte Levy auch in der Neustadt und war dort geschäftlich tätig. Sein Enkel Gerhard Simonsohn schreibt über seinen Großvater in dem Buch „Leben im Schatten wachsenden Unheils“ aus dem Jahre 1998:
Mein Großvater, Victor Simonsohn, war mindestens bis 1888 als Schuhmachermeister tätig. Später gründete er einen Pferdefuhrbetrieb für Transporte und Droschken (heute sagen wir Taxis dazu). Er behielt ihn bis zu seinem Tode im Jahre 1931. Obwohl längst das Zeitalter des Autos angebrochen war, konnte er sich nicht umstellen. […] Die Pferde und der Betrieb meines Großvaters haben die Familie stark geprägt. Die Kinder schon mussten mithelfen. Jeder hatte irgendwann im Stall oder auf dem Kutschbock seinen Dienst getan.
Der Fuhrunternehmer Victor Simonsohn starb 1931 an den Folgen eines Schlaganfalls und hinterließ seine Familie mittellos. Das Fuhrgeschäft musste aufgelöst werden und seine Witwe und seine Tochter Paula zogen in eine kleine Wohnung in die Nähe der Salomons in das Haus am Lutherplatz 6/Ecke Lynarstraße.
Paula Simonsohn, die eigentlich Pauline hieß, war beim Tode ihres Vaters 17 Jahre alt. Es war nicht der erste Schicksalsschlag für sie. Schon als kleines Kind war sie schwer erkrankt und verbrachte bis zu ihrem 7. Lebensjahr ihr Leben im Gipsbett. Danach musste sie wieder laufen lernen und mit Hilfe eines Stahlkorsetts und einer Halsstütze konnte sie zur Schule gehen.
Sie besuchte mit ihrem Zwillingsbruder Helmut die 8. Gemeindeschule in der Kurstraße 8-9. Das erste Jahr hatte ihre Mutter sie zu Hause unterrichtet. Auch später durfte sie nichts Schweres tragen und als Sportart nur Schwimmen ausüben. Ihr Zwillingsbruder war ihr, z.B. auf dem Schulweg, eine große Hilfe. Und er war ihr bester Freund. Ostern 1923 bestand Paula die Aufnahmeprüfung im Lyceum, dem heutigen Lily-Braun-Gymnasium.
Im August 1924 – wenige Monate nach Benno Salomons Tod – ertrank ihr Bruder Helmut während eines Ferienaufenthaltes in der Ostsee. Für Paula und ihre Eltern ein furchtbarer Verlust. Er wurde nur 10 Jahre alt und fand sein Grab ebenfalls auf dem Jüdischen Friedhof in der Neuen Bergstraße.
Im Frühjahr 1933 – die Nazis waren bereits an der Macht – bestand Paula das Abitur. Ihr Religionslehrer, der Rabbiner Arthur Löwenstamm, prüfte sie auch im Abitur.
Paula wäre gerne Bibliothekarin geworden, aber das ließen die politischen Verhältnisse und ihre finanzielle Situation nicht mehr zu. Sie musste Geld verdienen und arbeitete als Verkäuferin im Kaufhaus Sternberg am Markt und später als Pflegerin in einem Jüdischen Altersheim in Lichterfelde. Dort lernte sie ihren Mann kennen. Schließlich musste sie Zwangsarbeit bei Siemens leisten.
Paula war seit Schulzeiten eng mit der gleichaltrigen Hilde Stutinski befreundet. Sie besuchten zusammen das heutige Lily-Braun-Gymnasium. Hilde, die eigentlich Brunhilde hieß, wohnte etwa seit 1933 in der Kurstraße 22, wo ihre Eltern ein kleines Bekleidungsgeschäft führten. Vorher hatten sie in der Schönwalder Straße 12 ein größeres Geschäft und wohnten auch dort.
Hilde konnte im März 1939 nach England fliehen. Sie war fest entschlossen, ihre Freundin Paula nachzuholen. Es waren bereits alle notwendigen Ausreisepapiere vorhanden, als am 1. September 1939 die deutsche Wehrmacht Polen überfiel und damit der Krieg begann. Jetzt war eine Ausreise nach England nicht mehr möglich. Hildes Eltern wurden am 19. Januar 1942 nach Riga deportiert. Vor dem Haus in der Kurstraße 22 liegen seit 2012 zwei Stolpersteine.
Hilde erinnert sich später, dass sie „im Februar 1939 begleitet von meiner Freundin Paula Simonsohn“ das Familiensilber und die Goldsachen wie alle Juden in einer Pfandleihanstalt abgeben musste.
Paula zog von Spandau nach Charlottenburg zu ihrer Tante und heiratete Martin Gumpert. 1942 wurde die kleine Bela geboren. Bela war noch nicht einmal ein Jahr alt, als sie mit ihren Eltern 1943 nach Auschwitz deportiert und zusammen mit ihrer Mutter in der Gaskammer ermordet wurde. Paula war zu Zeitpunkt ihrer Ermordung erst 29 Jahre alt. Vor dem Haus in der Charlottenburger Kantstraße 44 erinnern drei Stolpersteine an die kleine Familie.
Keine Ruhe den Toten

1940 wurde die Totenruhe auf dem Spandauer Jüdischen Friedhof in der Neuen Bergstraße massiv und vorsätzlich gestört. Die Wehrmacht hatte das Friedhofsgelände schon länger für sich reklamiert und fand nun beim nationalsozialistischen Staat endlich Gehör. Der Friedhof wurde geschlossen und die Gräber auf den Friedhof der orthodoxen Gemeinde Adass Jisroel in Weißensee umgebettet. Dort befinden sich bis heute auch die Gräber von Benno Salomon und Helmut Simonsohn.
Auch das Grab von Victor Zondek, der am 31. Oktober 1933 starb, wurde umgebettet. Sein Sohn Samuel Zondek war Anfang der 1920er Jahre nach Spandau gekommen und hatte um die Ecke der Wohnung von Paula und ihrer Mutter in der Lynarstr. 35a die „Märkische Likörfabrik“ gegründet – ein erfolgreiches Unternehmen. Haus und Grundstück hatte er 1926 gekauft. 1939 ließ er alles zurück und floh vor den Nazis mit Frau und zwei Kindern nach Chile.
Enteignet und deportiert
Und was wurde aus den Salomons, die gegenüber der Lutherkirche wohnten? Und aus ihren Geschäften? Beide Läden wurden „arisiert“ und bekamen einen nichtjüdischen Besitzer. Zilka, Gerhard und Leonie Salomon suchten bei Bennos Bruder Louis Salomon in der Altstadt Zuflucht. Sie wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Vor ihrem Wohnhaus in der Lutherstraße 13 gegenüber der Lutherkirche wurden 2015 in Anwesenheit von Angehörigen aus Israel und Berlin drei Stolpersteine verlegt. Zwei Urenkel von Benno und Zilka Salomon sprachen ein Kaddisch.
Anita Salomon hatte Alfred Rosenheimer, den Besitzer eines Möbelgeschäftes in der Altstadt, geheiratet, und war mit ihm und ihren beiden Kindern 1939 nach Palästina geflohen.
Gudrun O’Daniel-Elmen,
Beauftragte für Erinnerungskultur im Kirchenkreis Spandau
Kontakt: erinnerung@kirchenkreis-spandau.de
Telefon via Kirchenkreisbüro: 030 322 944-300
Der Text erschien zunächst im Gemeindebrief "Zeitlupe" Ausgabe Winter 2023/24 der Lutherkirchengemeinde.
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