Veröffentlicht am Do., 31. Jan. 2019 10:44 Uhr

Predigt von Bischof Markus Dröge zum 10-jährigen Jubiläum des Mehrgenerationenhaus der Paul-Gerhardt-Gemeinde Spandau

 

Predigt am 20. Januar 2019 - 2. Sonntag nach Epiphanias, Jer 29, 4-7

I.

„Suchet der Stadt Bestes!“ Kaum ein Bibelvers könnte besser treffen, was Sie hier seit 10 Jahren tun. Wenn ich Ihren Gemeindebrief in die Hand nehme oder auf Ihrer Homepage stöbere, kann ich erahnen, was unter der Woche und auch am Wochenende hier in Ihren Räumlichkeiten alles so los ist. Ein beeindruckendes Kurs- und Beratungsangebot:

- Ideen für Kinder und Jugendliche genauso wie für andere Altersgruppen.

- Christliche Angebote neben staatlicher oder sozial-diakonischer Hilfe.

- Tanzprojekte und ein offener Nachmittag für die Nachbarschaft im Schwedenhaus,

- selbstgebackener Kuchen im Café und eine Kita mit regelmäßigem Minigottesdienstangebot.

Mehr Generationen, das war vor 10 Jahren der Wunsch und das Ziel. Es scheint erreicht: Power-Girls und Konfirmanden, Krabbelkinder und Senioren, alle sind hier willkommen. Neue und alte Nachbarn. Menschen mit ganz unterschiedlichen Biografien und Glaubensüberzeugungen. Alle sind hier willkommen und finden ein Angebot. So steht das Haus nicht still.

II.

„Suchet der Stadt Bestes!“In den 60er Jahren entstand die Großsiedlung Falken­hagener Feld, ein begehrtes Wohngebiet. Helle, schön geschnittene Wohnungen, Fernheizung, Fahrstuhl, bequem. Die Nachbarschaft homogen und auch das Gemeindeleben hier in der Paul-Gerhardt-Gemeinde erfüllt und gut besucht. Seit Ende des letzten Jahrtausends hat sich der Stadtteil gewandelt. Die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich verändert. Viele alt-Eingesessene sind alt geworden oder weggezogen. Die jungen Menschen sind jetzt international.

Ihre Gemeinde war wach und hat die Veränderungen wahrgenommen. Sie hat erkannt, dass die neuen Menschen am Ort vielleicht anderes brauchen als die, die weggezogen sind. Und sie hat darauf reagiert mit dem Bau des Mehrgenerationenhauses in Kooperation mit der Stadt. Ein Café, in dem man sich treffen kann und eine Kita sind der Paul-Gerhardt-Gemeinde zugewachsen und damit auch eine neue Form von Arbeit. Gemeinwesenarbeit, eine Arbeit für alle Menschen im Stadtteil, egal, was sie mitbringen. Vor zwei Jahren ist das Angebot noch einmal erweitert worden. Jetzt gehört auch das Stadtteilzentrum hier an diesen Ort.

Ergebnis: Es ist Leben in der Bude. Es ist immer etwas los. Es wird auch gern gefeiert. Dadurch stehen die unterschiedlichen Angebote nicht nur nebeneinander, sondern kommen auch zusammen. Das macht das Haus und die Arbeit lebendig.

III.

„Suchet der Stadt Bestes!“Das hört sich an wie der Werbespruch der Gemeinwesenarbeit. Schauen wir aber auf den Zusammenhang in der Bibel, dann merken wir: Dieser Satz war damals eine Zumutung!

Israel hatte einen Krieg verloren. Zur Strafe wird die Oberschicht des Landes deportiert in das Land des Siegers, nach Babylonien. Und dort nun, so sagt es der Prophet Jeremia, soll es nicht einfach sitzen und auf die Rückkehr warten. Das Volk soll sich damit auseinandersetzen, dass dieses Leben in der Fremde drei Generationen dauern wird. Der Prophet Jeremia predigt: „Nehmt das Leben in der Fremde an. Und betet für Eure ehemaligen Feinde! Trauert nicht den Verlusten nach, sondern richtet Euch ein: Baut Häuser, gründet Familien – so als hättetIhr Euch diesen Ort selbst ausgesucht“.

Ja, es gibt schwere Schicksale. Nicht nur für Einzelne, auch für ganze Völker. Ich denke an das, was viele Aussiedler mir erzählt habe, unter welch extremen Bedingungen sie ihr Leben in Kasachstan beginnen mussten, als sie im Zweiten Weltkrieg dorthin deportiert wurden. Oder ich denke an die Auseinandersetzungen der Kirche in der DDR, wie sie sich zum Sozialismus und zu ihrem Staat verhalten sollten. Eine schwere Zeit.

IV.

„Suchet der Stadt Bestes!“ Was wir mit „Bestes“ übersetzen heißt im hebräischen Text „Schalom“. „Sucht den Frieden der Stadt“, müsste man eigentlich wörtlich übersetzen. Schalom ist Frieden im umfassenden Sinn. Schalom meint sozialen Frieden, aber auch Versöhnung, im Schalom steckt Heimat, Glück, Zufriedenheit.

„Sucht den Schalom der Stadt, in die ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn es ihr wohlergeht“ – auch hier steht Schalom: wenn es in ihr Schalom gibt – „dann geht’s euch auch wohl“ – und auch hier steht Schalom. „Dann habt auch Ihr Schalom.“ – Der Friede, den ich selbst suche und schaffe, wird auch mir selber Frieden bringen.

Jeremia verlangt im Grunde nichts weniger, als dass die Deportierten die Situation annehmen, in die sie gebracht wurden, und dass sie konstruktiv und pragmatisch mit ihr umgehen. Sie sollen:

- die Niederlage des eigenen Volkes akzeptieren,

- die eigene Geschichte anders verstehen, schmerzlich umschreiben,

- neu überlegen, wie jetzt hier der eigene Glaube gelebt werden kann,

- sich konstruktiv mit der fremden Kultur auseinandersetzen, mit fremder Sprache und anderer Religion.

Historisch ist diese Zeit für Israel eine der wichtigsten Zeiten für die Herausbildung des Glaubens, in dessen Tradition wir bis heute stehen. Die Krise verlangte, die bislang gültigen Wahrheiten und Überzeugungen zu überprüfen und in einer neuen Situation neu durchzubuchstabieren.

- Wo ist Heimat, wenn das Land meiner Väter und Mütter unerreichbar ist?

- Wie ist Gott, wenn ich mich nicht darauf verlassen kann, mit ihm auf der Seite der Sieger zu stehen?

- Wie kann Zusammenleben gelingen, wenn verschiedene Glaubenstraditionen und Gebräuche zusammen leben müssen?

Auf alles mussten die Vertriebenen Antworten finden. Und Jeremia hilft den Menschen mit seiner Predigt, Gottes Handeln neu zu verstehen:

„Nicht die Babylonier haben euch deportiert,“ sagt er. „Gott selbst hat es getan. Er hat euch in die Fremde geführt. Und er will, dass ihr auch die Fremde begreift als einen Ort, wo er zu finden ist.“

Eine Situation bekommt dann Zukunft, wenn ich sie annehme; wenn ich alte Feinde nicht ewig als Feinde ansehe; wenn ich mich selbst nicht als Opfer verstehe, sondern als Menschen, der trotz allem handeln kann; der ganz pragmatisch das tun kann, was zu tun ist: Häuser bauen, Familien gründen, das Land bestellen. Mit andern Worten: Das Volk Israel soll leben, als wären sie zuhause. Diese Freiheit haben sie.

Das ist die wunderbare biblische Weisheit, die auch uns immer wieder helfen kann: Heimatist nicht an den Ort gebunden. Heimat habe ich, wenn ich in Gott beheimatet bin. Einige Verse weiter schreibt Jeremia im Namen Gottes:

„Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens – auch hier steht im hebräischen Schalom – und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung (V. 11).

Er stellt in Aussicht, dass es doch einmal eine Rückführung in die alte Heimat geben wird. Es ist also ein Doppeltes, was bis heute unsern Glauben ausmacht: Die Situation annehmen, und in ihrden Schalom suchen. Und zugleich die Sehnsucht nicht aus ihrem Herzen lassen, dass der umfassende Schalom Gottes noch aussteht, der umfassende Friede, die vollkommene Geborgenheit.

V.

„Suchet der Stadt Bestes!“ – Ein wunderbares Wort, um zu erklären, was der Glaube uns schenkt. Und auch ein wunderbares Wort, um die Geschichte Ihrer Gemeinde zu verstehen:

Sie haben sehr sensibel wahrgenommen, dass sich das Wohngebiet, in dem Sie beheimatet sind, verändert hat, das die Situation der Gemeinde eine andere geworden ist. Sie waren berühmt für die Lebendigkeit Ihrer Gemeinde, für den starken Gottesdienstbesuch. Das alles wurde weniger mit der Veränderung, die sich in den Wohnungen drumherum vollzog. Ein schleichender Prozess, zu dem man sich irgendwann verhalten muss. Neben die Sehnsucht, das Vertraute zu erhalten, und die alten Zeiten wieder zurück zu holen, trat bei Ihnen dann aber auch genau die Pragmatik, die Jeremia von den ins Exil geschickten Jerusalemern verlangt. Was können wir tun? Was ist unser Auftrag? Schalom. Sozialer Friede, Heimat, Geborgenheit. Was kann eine Kirchengemeinde dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen eine Ahnung bekommen von diesem Schalom?

Sie sind den Weg gegangen, Räume der Begegnung zu schaffen. Sie hatten Ihr Ohr an den Bedürfnissen der Alteingesessenen genauso wie am Ohr und an den Bedürfnissen der neu Dazugekommenen. Sie haben wahrgenommen, was ist und angenommen, dass dies die neue Herausforderung ist, vor die Sie als Gemeinde gestellt sind. Und haben dann ganz pragmatisch begonnen, ein Haus zu bauen, das zu dieser Situation passt, das Alten und Jungen Heimat geben kann. Sie haben die Ärmel hochgekrempelt und Angebote organisiert, die denen helfen, die jetzt hier wohnen. Viele Menschen sind bei Ihnen engagiert, die ganz pragmatisch das tun, was hilft und nötig ist. Sie haben die Kräfte gebündelt und arbeiten mit verschiedenen Vereinen und der Stadt zusammen, um so ein Angebot zu schaffen, von dem möglichst viele Menschen im Stadtteil etwas haben.

Vor 10 Jahren wurde dieses neue Handeln der Gemeinde sichtbar mit der Eröffnung des Mehrgenerationenhauses. Seitdem haben Sie aber auch nicht aufgehört, diese Spur zu verfolgen. Das Stadtteilzentrum kam dazu, die Vernetzung mit den Nachbargemeinden, die Beziehung zu Geflüchteten, die in einer eigenen Wohnung im Kiez wohnen. Die Arbeit wird profilierter, weil Sie klarer sehen, was gebraucht wird. Immer wieder neu stellen Sie sich die Frage: Was ist das Beste für die Stadt? Und machen die Erfahrung, die Jeremia prophezeit hat: Wenn's der Stadtwohlgeht, so geht's euch auch wohl. Das Gemeindeleben ist lebendig, die Schwelle, einen Zugang zu den spirituellen und klassischen Angeboten der Gemeinde zu finden, ist niedriger geworden.

VI.

Mich beeindruckt dieser Weg, den Sie gegangen sind. Er beeindruckt mich, weil ich in ihm die doppelte Ausrichtung wiedererkenne, die Jeremia beschreibt: „Sucht den Schalom schon hier und jetzt, ganz pragmatisch. Aber haltet auch fest an der Sehnsucht nach einem umfassenden Frieden zwischen Menschen unterschiedlichster Prägung.“

Und ganz wunderbar ist Ihre Erfahrung, dass die Zusammenarbeit mit andern gesellschaftlichen Kräften nicht dazu führt, das eigene christliche Profil zu verlieren. Im Gegenteil. Es stärkt Sie, macht Sie kenntlich mit Ihrem christlichen Glauben und Ihrer Hoffnung.

So wünsche ich dem Mehrgenerationenhaus und allen Aktivitäten Ihrer Gemeinde für Ihren weiteren Weg in die Zukunft: Suchen Sie weiter der Stadt Bestes und erfahren Sie darin den Segen Gottes!

Amen.

 

Kategorien KG Paul-Gerhardt intern